Meine ersten Wochen in Quijarro

Welcome to the Jungle!

Es ist jetzt schon über einen Monat her, dass ich mich auf dieser Seite zu Wort meldete. Mit meinen Eindrücken aus der Anfangszeit in Sucre, habe ich euch ja schon so einiges an Lesestoff geliefert, aber über meinen neuen Wohnort, meine Mitbewohner und vor allem über meine Arbeit als Freiwilliger habe ich euch noch ziemlich im Unklaren gelassen. Doch das soll sich jetzt ändern! Meine Anfangszeit in Puerto Quijarro, dem kleinen Ort an der brasilianischen Grenze steckte voller Erlebnisse und Herausforderungen.

Im neuen Zuhause angekommen, wurden meine Mitbewohner Marla und Jannik zusammen mit mir von den tollen Gasteltern Tatiane und Alfredo herzlich willkommen geheißen. Ihr 5-Jähriger Sohn, genannt „Alfredito“ (also Alfredo Junior) nahm uns auch gleich als seine neuen Spielgefährten war. Wir wohnen in einem abgetrennten Nebengebäude mit eigenem Bad, Küche, zwei relativ großen Zimmern und einer von Mückengittern eingerahmten Terasse. Auf dieser befindet sich ein großer Esstisch und… zwei Hängematten! Bei der andauernden Hitze, die hier im Ort herrscht (ca. 35° im Durchschnitt) ist das eigentlich auch der einzige Ort, an dem man sich tagsüber aufhalten kann. Wir sind eine der WGs, die selbst kochen. Manchmal versuchen wir zwar etwas Aufwendiges zu kochen, grillen auch des öfteren auf der hauseigenen Dachterrasse, aber der normale Kochalltag kennt fast nur ein Gericht: Nudeln. Die hatten wir schon in allen Formen und mit jeder Sauce. Verstehen tun wir uns in der WG insgesamt echt super! Auch wenn wir manchmal ein unterschiedliches Verständnis von Ordnung und Sauberkeit haben…

Der Ort Quijarro ist zwar nicht sonderlich schön (fast nur Häuser mit Wellblechdach, nur die Hauptstraßen sind geteert) und man bekommt hier auch nicht alles, dafür gibt es viele Möglichkeiten günstig essen zu gehen, einen Markt (mit einer gigantischen Auswahl an frischem Obst), eine Plaza und sogar ein Fitnesscenter, in welchem ich mich angemeldet habe.

Ein paar Häuser weiter wohnt Hevert, der auch in den vergangenen Jahren immer Freund der Freiwilligen war. Er schraubt gerne an Computern und „Rockolas“ (Jukeboxen mit Bildschirm) und organisiert immer wieder mal Projekte wie Spielzeug basteln oder Mülleimer bauen auf eigene Faust. Wir waren mit ihm schon Angeln oder sind auf einen nahegelegenen Berg gestiegen, auf welchem wir über die gigantischen Wasserflächen einer der Lagunen des Pantanal (gehört zu den größten Feuchtgebiete der Erde) blicken konnten, welche sich unterhalb Quijarros bis zum in Brasilien gelegenen Horizont erstrecken.

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Das „seit Stunden beist nichts an und ich hab nen heftigen Sonnenbrand“ Gesicht

Im Krankenhaus „San Juan de Dios“ des größeren Nachbarortes Puerto Suarez arbeite ich jeden Vormittag, wechselnd mit Jannik, auf zwei Stationen. Zum einen wäre da die sogenannte „Enfermeria“, das ist so eine Art Versorgungsstation. Nachdem ein Arzt sich seine Patienten angeschaut und ihnen ihre Rezepte mit auf den Weg gegeben hat, werden sie dorthin geschickt und bekommen von einer täglich wechselnden Krankenschwester („Enfermera“) Spritzen, neue Verbände oder (kleine Kinder mit Schnupfen) eine Inhalation. Manchmal kommt auch ein Doktor vorbei um jemanden zu nähen. Ich reiche Desinfektionsmittel an, ziehe Spritzen auf, klebe Verbände zu oder beruhige Babies, während sie inhaliert werden. Wenn mal keine Patienten da sind, falte ich Kompressen und Tupfer während ich mich mit der Schwester über Gott und die Welt unterhalte. Eine vom Staat bezahlte Krankenversicherung haben in Bolivien übrigens nur Kinder unter 5 und Leute über 65. Daher hängt neben der Eingangstür eine Liste mit den Preisen für die unterschiedlichen Behandlungen. Mein anderer Arbeitsbereich ist das PAI, eine vom Staat eingerichtete Station für Impfungen und Wachstumskontrolle. Zusammen mit dem Pfleger Alex (der immer ziemlich gut drauf ist) und ungefähr zwei wechselnden Schwestern messe und wiege ich Kinder, suche ihre Impfpässe aus Dateikästen, bestimme ihren BMI und versuche sie zu beruhigen, wenn eine der Enfermeras ihnen eine Spritze gibt. Doch meistens wissen die Kleinen oft schon beim Eintreten ins PAI, dass es irgendwann piksen wird und sind dementsprechend ziemlich bockig. Beim Frühstück in der Krankenhauskantine haben Jannik und ich auch schon einige der Ärzte kennen gelernt. Viele von ihnen sind NC-Flüchtlinge aus dem angrenzenden Brasilien, ein paar kommen sogar aus Kuba. So wurden wir auch schon eingeladen, bei Operationen zuzuschauen. Jannik war schon bei mehreren, ich war bis jetzt nur bei der Entfernung einer Gebärmutter (wegen eines gutartigen Tumors) dabei. Ich finde es wahnsinnig interessant, mal Chirurgen über die Schulter zu schauen.

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Das „Gemeindekrankenhaus St. Johannis „

Die Schule befindet sich ebenfalls nicht in Puerto Quijarro, sondern im eigentlichen Grenzort Arroyo Concepción, auch „La Frontera“ genannt. Abgeholt werde ich immer dienstags und mittwochs um Viertel nach Eins (mal pünktlich, mahl weniger pünktlich) von Lehrer Wuilmer. Der Musik- und Englischlehrer ist zwar ein echt netter Kerl und auch bei den Schülern beliebt, von Englisch hat er jedoch nicht die leiseste Ahnung. So kommt es, dass die Bezeichnung pädagogische „Assistenz“ wohl eher nicht auf meine Stelle zutrifft. Ich halte den Unterricht alleine, was bedingt durch fehlende Ausbildung und an ihre Grenzen stoßende Spanischkenntnisse eine echte Herausforderung darstellt. Den 13-18 jährigen Schülern (einer ist sogar älter als ich) versuche ich gerade die absoluten Grundlagen der Dialogführung beizubringen (Hello, my name is David. How are you? Und so weiter…). Naja, näherzubringen trifft es wohl eher, wenn ich mit ihnen die Aussprache übe oder sie untereinander sprechen lasse, sprechen die Schüler oft so leise, dass sie sich wahrscheinlich nicht mal selbst verstehen. Wie soll ich sie da verbessern? Hausaufgaben zu machen scheint bei ihnen wohl auch nicht in Mode zu sein… Mit den Schülern der beiden höheren Klassen versuche ich jetzt Lieder auf Englisch zu singen. Erst mit der Originalmusik, dann mit Gitarrenbegleitung von mir. Dass die Aktion mit dem Üben der Aussprache verbunden ist, wollen die Schüler aber anscheinend nicht verstehen, sondern hören lieber nur mich singen. „Love Yourself“ von Justin Bieber und „Perfect“ von Simple Plan (zwei der wenigen Lieder, welche die Schüler selbst kannten) sind jetzt aber auch nicht gerade kurz. Abgesehen von der leichten Generalfaulheit der Schüler (ich bekomme langsam Verständnis für meine ehemaligen Lehrer) macht mir die Arbeit mit den Schülern aber einen riesigen Spaß! Ich scheine auch ganz gut anzukommen, sie sehen mich durch mein Alter auch noch ein bisschen eher als Kumpel als die anderen Lehrer. Was jetzt aber nicht heißt, dass sie vor mir weniger Respekt hätten, als vor den anderen. Oder mehr…

Meine Klassen:

Feiertage gibt es hier ganz schön viele. Tag der Freundschaft und Ärzte (alle Ärzte außer dem Notdienst haben frei), Tag der Frauen (Schule fällt mangels Lehrerinnen aus), Tag der Kinder (natürlich auch keine Schule), Tag der Kultur und so weiter… Ganz besonders jedoch wurde der Geburtstag des Departemento Santa Cruz am 24. September gefeiert. Alle „Cruzeños“ putzen sich in ihren Farben Grün und Weiß heraus und schauen sich an, wie Mitglieder wichtiger kommunale Einrichtungen (somit auch unser Gastvater, welcher Stadtrat ist), die im Ort stationierten Marinesoldaten, Schulen, oder auch Gewerkschaften über die Hauptstraße marschieren. Als Lehrer musste ich mich dem bunten Umzug natürlich auch anschließen.

In unserer Zeit hier hat es sich die Quijarro-WG natürlich auch nicht nehmen lassen das Nachbarland zu besuchen. Schon einige Kilometer nach der Grenze, am Ostufer der Lagune erstreckt sich die 100.000 Einwohner-Stadt Corumbá. Im Vergleich zu Bolivien sieht es dort deutlich europäischer aus. Wir hatten bei einem Caipirinha einen idealen Blick auf den alten Hafen und einen malerischen Sonnenuntergang.

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Nur eine kaputte Kamera trübte die Stimmung beim Ausflug nach Corumbá

Den meisten Spaß hatten wir jedoch bei Ausflügen in die Naturbäder (Balnearios), welche etwa eine halbe Stunde von Corumbá entfernt, mitten in einem riesigen Naturschutzgebiet liegen. Drei an ihrer Zahl, haben wir schon alle besucht, ob mit der Gastfamilie oder auf Ausflügen von meiner und Marlas Schule.

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Alfredito präsentiert stolz seine Brotwurst

Im Balneario „Iracema“ wurden bei unserem ersten Besuch Marla und ich um ein Interview gebeten, in dem wir (auf Deutsch!?) das Bad bewerben sollten. Wir dachten uns nicht viel dabei und priesen also mit Phrasen wie „kristallklares Wasser“ oder „Spaß für die ganze Familie“ das „wunderschöne Iracema“ an, während der Interviewer (welcher nicht ein Wort des Gesagten verstand) uns lächelnd filmte. Dass daraus eine Werbung wurde, welche nun mehrmals am Tag auf dem Lokalsender läuft, erfuhren wir erst durch Hevert, unsere Gastfamilie und einige Schüler…

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Endlich berühmt…

Wir lernten auch die wunderbare Familie kennen, der es gehört. Der Bassist Claudio und die Kamerafrau Sandra aus Saõ Paulo sind mitsamt Kindern in den abgelegenen Wald im Süden Brasiliens gezogen um sich dort ihrem Traum zu widmen: Dem Bau eines ökologischen Zentrums nach Vorbild der sogenannten „Green-School“ auf Bali. Bis dahin ist es zwar noch ein gewaltiger Weg, aber in kleinen Schritten versuchen sie ihrem Ziel näher zu kommen. Ein kleines Waldstück am Rande des Flusses, welcher aus dem Bad fließt, soll beispielsweise ein Meditationsplatz werden. Dafür, dass wir dort Blätter rechen, durften wir ein Wochenende bei ihnen übernachten, essen und das Schwimmbad benutzen. Aber das war nicht unsere einzige Arbeit, die größte Herausforderung war auf ihre kleine Tochter Livia aufzupassen, welche ständig beschäftigt werden wollte.

Ich genieße meine Zeit hier wirklich sehr! Auch wenn es einiges vom deutschen Großstadtleben ausgehend einiges an Umstellung erfordert hat, denke ich, dass ich mich hier gut einlebe. Ich melde mich bald wieder bei euch mit noch mehr Erlebnissen aus dem tropisch heißen Quijarro!

Wenn Sie mein Projekt toll finden und gerne unterstützen möchten finden Sie alle Infos dazu auf der Seite „Spenden“. Ich freue mich über jeden Betrag, die Höhe spielt keine Rolle. Ihre Spende trägt dazu bei, meine Arbeit hier zu ermöglichen.

Vielen Dank fürs Lesen!

und an Marla und Jannik für einige der Fotos

David

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3 Gedanken zu “Meine ersten Wochen in Quijarro

  1. Ich les es auch gern. Klingt fast schon zu gut. So dass ich reflexartig nach Anhaltspunkten für das Vorliegen einer Y-chromomosomal (!) vererbten Exaggerese suchte. Schweres Familienleiden, wer es nicht wusste. Aber nix. Rein gar nix. Ist also wahrscheinlich nur mein Neid, dass ich hier bei zwei Grad und Pisswetter sitz und les: Brotwurst! Angeln! Tüchlein falten! Schwimmbad! Das mit dem Spenden muss ich mir schwer durch den Kopf gehen lassen, soviel ist Mal klar.
    Aber en herzlichen Gruß aus Oberursel schick ich hiermit. An nem Tag, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht als Feiertag in die Weltgeschichte eingehen wird.

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