Aller Anfang ist touristisch

¡Bienvenidos a Bolivia!

Als ich in Santa Cruz aus dem Flieger stieg, saßen mir 13.000 km, 18 Stunden, 6 Zeitzonen und die Zwischenstopps in Sao Paulo und Asunción, dem wahrscheinlich kleinstem Großflughafen der Welt, tief in den Knochen. Max Steiner, der Leiter von Hostelling International Bolivia, war persönlich am Flughafen erschienen und mit ihm und 24 Freiwilligen im Gepäck, fuhren die rostigen (aber durchaus rüstigen!) HIB Minibusse zu unserem Hostel, mitten im Zentrum der Millionenstadt.

Dort konnten wir uns ein bisschen von der Reise entspannen. Der Hostel eigene Pool kam unseren Gliedern natürlich sehr gelegen und bei einem kolonialem „Té“ (Sooo leckere Empanadas) empfing Max uns und unsere Mägen herzlich in der Organisation. Der Abend hingegen wartete für mich mit einem kleinem „Schockmoment“ auf. An der Dusche war wohl eine Stromleitung nicht richtig isoliert…

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      Pool: top            Dusche: …

Nach einem weiteren Tag, welchen wir mit Gesprächen über unsere Projekte und einem abendlichem Milanesa-Festessen (kleine frittierte Rinder- und Hühnerschnizel) ging es schließlich zum Busterminal. Dort gab es nicht eine freie Sekunde, in welcher wir nicht von „Cochabamba! Cochabamba!“ oder „Potosí! Potosí!“ rufenden Busfahrern umringt wurden. Dabei wollten wir doch eigentlich in die Hauptstadt, nach Sucre, um dort unser Visum zu beantragen. Die anschließende etwa 15 stündige Busfahrt war ein richtiges Abenteuer. Ständig hielt der Busfahrer irgendwo an um Pakete einzuladen, geteerte Straßen gab nur zu etwa 50% des Weges und es kam auch mal vor, das er sich kleine Rennen mit anderen Bussen lieferte, während es rechts von uns hunderte Meter in die Tiefe ging. Ach ja, Gurte hab ich bis jetzt übrigends noch nie in irgendeinem bolivianischem Fahrzeug gesehen.

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An Bord des Seelenverkäufers (Foto vermutlich vor den Serpentinen)

Empfangen wurden wir in Sucre von Don Arturo unserem Ansprechpartner für alles, was Visa, Projekte und Einsatzorte angeht. Mit ihm und seiner rechten Hand Pedro fuhren wir schließlich in unser „typisch bolivianisches“ Hostel, mit dem Namen „Kultur Berlin“.

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Der deutsche Leiter Klaus kümmert sich um diese kleine Außenstelle der Bundeshauptstadt

Doch für gemütliches Einchecken blieb wenig Zeit, sofort zogen wir weiter um Fotos für unsere bolivianischen Führungszeugnisse zu machen. Doch das war nur der Anfang der unzähligen Behördengänge: Blut abnehmen, Fingerabdrücke abgeben (insgesamt bestimmt 10 mal), Notare besuchen, Stunden lang bei Interpol warten und so weiter…

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Nach Anblick dieses liebevoll gebastelten Schildes war meine anfängliche Angst vor irgendwelchen knallharten Verhören wie verflogen

Dabei konnten ich jedoch eine der schönsten Städte die ich je gesehen habe erleben. Sucre ist mit seinen prachtvollen Kirchen und Regierungsgebäuden, seinem schachbrettförmigen Aufbau, Parks und einer zentralen Plaza, eine koloniale Stadt, wie sie im Buche steht.

Doch abgesehen von diesem strahlendem Andenken an ziemlich düstere Zeiten hat die Stadt unglaublich viel zu bieten. In meinem kleinem Tourismusurlaub in Sucre habe ich einiges gesehen, gehört, geschmeckt und gerochen:

  • Die Fiesta de San Roque, welche dieses Jahr am 17. August stattfand ist wie eine kleine Messe für Hundebesitzer. Von Körben, bis zu maßgeschneiderten Klamotten wird hier alles für den besten Freund des Menschen angeboten. Außerdem werden die Straßenhunde der Stadt mit Glöckchen und bunten Papierschnipseln geschmückt.

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    Bermerkt? Hinter dem Putzlumpen rechts versteckt sich noch ein Hund
  • Auf dem Mercado Campesino bieten die um die Stadt herum lebenden Bauern in einer gigantichen Halle ihre Waren an. Von duftenden Gewürzen und Früchten, bis hin zu stinkendem Innereien und Tierfett, ist für jede Nase etwas dabei. Mal wird man auch von Kuh oder Schweineköpfen mit argwöhnigen Blicken beobachtet. Hier wird immerhin jedes Teil verwertet!
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img_20160818_164124 Der Mercado Campesino und das geschäftige Treiben davor
  • Coca wird hier in Bolivien ganz alltäglich verwendet und hat nichts mit Kokain zu tun (um die Droge herzustellen ist ein aufwändiges Syntheseverfahren notwendig). Ob im Teebeutel, im „Mojito Boliviano“ oder einfach als Blätter zum kauen. Es schmeckt ein bisschen wie eine Mischung aus grünem Tee und Mate und eine klar erkennbare Wirkung konnte ich noch nicht spüren.
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Mate de Coca: einfach Blätter ins heiße Wasser, ziehen lassen und fertig
  • Die Plaza 25 de Mayo, welche das Stadtzentrum bildet erinnert an den Sieg über die spanischen Kolonialherren. Flankiert vom Rathaus, der Kathendrale und unzähligen Bars und Restaurants ist sie nicht nur ein beliebter Treffpunkt für Pokémon Go spielende Jugendliche, auf ihr finden auch regelmäßig Umzüge von Schulen (mit viel Blasmusik und witzigen Kostümen) oder Demonstrationen statt.

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    Die Plaza 25 de Mayo verdankt ihren Namen dem bolivianischen Unabhängigkeitstag
  • Auf den Churuquella, einen der Berge, die Sucre einkesseln, führt ein Kreuzweg bis an die Spitze, welche von einer begehbaren Jesusstatue geziert wird. Manche Bolivianer fahren hier ab und zu mit dem Auto hoch (laufen tun auch nur Deutsche) um Opfergaben zu verbrennen. Dabei wir auch des öfteren reiner Alkohol (puro) getrunken, wie die leider überall auf dem Boden liegenden Plastikflaschen zeigen.
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fast wie in Rio
  • Die Opfergaben bekommt man auf dem Mercado Negro. Und nein, damit ist nicht der Schwarzmarkt gemeint, da hat es anscheinend mal gebrannt. Besonders beliebt sind hierbei getrocknete Lamaföten, welche von den meisten Ständen hängen. Eine Verkäuferin erzählte uns, dass das Lama ein Zeichen des Fortschritts ist und dass man die Föten an Patcha Mama (das ist hier so etwas wie die Mutter Erde und die Mutter Gottes in einem) opfert, damit es im eigenem Leben und im Land voran geht. Für die Rituale benötigt man auch Papier, was mit Kräutern und Steinen belegt ist, auf denen Wörter wie „Gesundheit“, „Glück“ oder „Erfolg“ stehen.

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    Da die Verkäufer nicht wollen, dass man ihre Stände fotografiert: Hier ein paar ausgewachsene, lebende Lamas
  • Im Parque Simón Bolivar befindet sich nicht nur ein Eifelturm im Miniaturformat, hier proben auch mehrmals in der Woche traditionelle Tanzgruppen für ihren Auftritt auf der Fiesta de la Virgen de Guadalupe am 8 September. Es gibt verschiedene Tänze, welche während der „Entrada“ (Umzug) getanzt werden. Besonders toll sehen die Power-Ranger ähnlichen Kostüme der Caporales Tänzer oder die Teufelsmasken der Diablada Tanzgruppe aus. Letzterer haben sich auch ein paar Mädchen der in Sucre arbeitenden IJFD-Freiwilligen angeschlossen.img-20160910-wa0003

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    die Entrada habe ich leider nicht mehr mitbekommen, aber eine Mitfreiwillige konnte mir diese tollen Bilder schicken
  • Nightlife gibt es hier natürlich auch. In den „Gringo“-Clubs, zu welchen auch unser Hostel gehört, mischen sich Touristen und Abenteurer aus aller Welt munter mit den Einheimischen. Möchte man eine Disco erleben, in welche nur Bolivianer gehen muss man schon auf klebrigen Boden (den ersten Schluck jedes Glases schenkt man Patcha Mama), immer den gleichen Reaggeton-Beat und verrauchte Luft stehen. Dafür bekommt man aber auch den ein oder anderen Chuflay (Singani mit Sprite) ausgegeben.

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    Mojito Boliviano
  • Sucre liegt mitten in der andinen Hochenene auf etwa 2600m. Die Berge im Umland sind gigantisch und wunderschön. Erleben konnte ich sie bei einer Wanderung auf einem alten Inkapfad (welcher von ein paar Einheimischen für ein kleines Wegzoll wunderbar in Stand gehaltelten wird) und bei einem Abstecher ins nahegelegene Tarabuco, wo ich zusammen mit 6 anderen Freiwilligen und dem Bolivianer Pio, welcher mehrere Jahre in Deutschland gelebt hat, seinen 3400m hohen Hausberg bestieg. Die schönste Aussicht, die ich je erlebt habe.

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    Auf dem Inkapfad
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Aussicht vom Hausberg Tarabucos

Inzwischen bin ich auch schon in meinem Einsatzort Puerto Quijarro angelangt und genieße tropische 35 Grad im Schatten. Wie ich die ersten Wochen in dem kleinem Ort an der brasilianischen Grenze so erlebt habe und was mich für Herausforderungen in der Freiwilligenarbeit erwarten, kommt natürlich in den nächsten Blog!

Danke an Marla für ein paar echt tolle Aufnahmen von Sucre!

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6 Gedanken zu “Aller Anfang ist touristisch

  1. Hallo David, sehr klasse was Du da auf die Beine stellst. Dein Text ist super und schön zu lesen; schon jetzt weiß ich mehr über Bolivien als jemals zuvor. Witzig die kleinen Anekdoten. Ich bleibe bestimmt dran. Als Biologe werde ich Dich natürlich gelegentlich mit Spezialfragen malträtieren 🙂 Eine gute Zeit! Daniel

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